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Thilo Krause
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Thilo Krause

Ressourcenzustand im NLP: herstellen und ankern, mit Übung und Beispielen

Wie Sie im NLP einen Ressourcenzustand herstellen, assoziiert erleben, ankern und vor dem Ernstfall testen. Mit einer Übung in sechs Schritten, drei erfundenen Beispielen und dem, was die Forschung dazu hergibt.

Frau am Schreibtisch hält beim Schreiben inne und denkt nach

Einen Ressourcenzustand im NLP herzustellen und zu ankern gehört zu den Grundübungen in NLP-Ausbildungen. Sie suchen eine Erinnerung, in der Sie die Ruhe oder Konzentration hatten, die Ihnen gleich fehlen wird. Dann assoziieren Sie sich hinein, koppeln den Zustand an einen Anker und nehmen ihn gedanklich in die kommende Situation mit. Diese Übung beschreibe ich hier so, dass Sie sie ohne Trainer machen können.

Was ein Ressourcenzustand ist

Ein Ressourcenzustand ist im NLP eine innere Verfassung, in der Ihnen eine Fähigkeit zur Verfügung steht, die eine bestimmte Situation verlangt. Das kann die Ruhe sein, mit der Sie einen Einwand anhören, oder die Konzentration, mit der Sie eine Rechnung prüfen. Das Gegenstück heißt Problemzustand, also die Verfassung, in der Ihnen dieselbe Fähigkeit nicht einfällt, obwohl Sie sie haben.

Zum Zustand gehört mehr als ein Gefühl. Gemeint sind auch Körperhaltung, Atmung, die inneren Bilder und das, was Sie sich selbst sagen. Deshalb setzt die Übung an mehreren Stellen zugleich an. Die kurze Begriffserklärung steht im Lexikoneintrag Ressourcenzustand.

Ein Punkt ist mir wichtig, bevor es losgeht. Ein Ressourcenzustand holt eine Fähigkeit ab, die Sie schon haben. Neue Fähigkeiten entstehen dabei nicht. Wer noch nie eine Frage im Prüfungsgespräch in Ruhe durchdacht hat, findet diese Ruhe in keiner Erinnerung an eine Prüfung. Oft findet er sie aber in einer ganz anderen Lage, etwa beim Erklären am Küchentisch.

Woher die Übung stammt

Die Übung verbindet zwei Bausteine des NLP, das Assoziieren und das Ankern. Das Ankern beschreiben Richard Bandler und John Grinder in Frogs into Princes. Laut dem Wikipedia-Artikel zum NLP erschien das Buch 1979 und beruht auf Mitschriften ihrer Seminare.

Woher die Idee des Ankerns kommt, beantworten die Quellen unterschiedlich. Der Wikipedia-Artikel führt Ankern und Future Pace auf die Familientherapeutin Virginia Satir zurück. Die britische NLP Academy hält es für einen Irrtum, dass das Ankern aus der Konditionierung der Verhaltenspsychologie stamme, und nennt den Hypnotherapeuten Milton Erickson als wichtigstes Vorbild. Das Landsiedel-Lexikon, das ich in der Anleitung zum Anker verschmelzen zitiere, sieht dagegen gerade die klassische Konditionierung nach Iwan Pawlow als Grundlage. Wer den Begriff Ressourcenzustand, englisch resourceful state, zuerst verwendet hat, konnte ich nicht belegen.

Drei Beispiele: Prüfung, Lampenfieber und ein schwieriges Gespräch

Die drei Personen sind erfunden. Sie zeigen, wie die Wahl von Ressource und Erinnerung in der Praxis aussieht.

Vor der mündlichen Prüfung. Eine Studentin weiß, dass sie in mündlichen Prüfungen zu schnell antwortet und sich dann verheddert. Als Ressource benennt sie, nach einer Frage zwei Sekunden nachzudenken, bevor sie spricht. Die passende Erinnerung findet sie in der Nachhilfe. Wenn ihr Nachhilfeschüler eine Frage stellt, schaut sie kurz auf das Heft und antwortet dann in ganzen Sätzen. Diesen Moment ruft sie auf und ankert ihn mit einem leichten Druck von Daumen und Ringfinger der linken Hand.

Lampenfieber vor der Betriebsversammlung. Ein Teamleiter soll vor 200 Kolleginnen und Kollegen eine Umstrukturierung erklären. Ihm fehlt der feste Stand in den ersten Sätzen, danach läuft es meist. Er erinnert sich an die Rede, die er als Trauzeuge gehalten hat. Dort stand er ruhig, hat den Saal angeschaut und erst nach einer Pause angefangen. Wie Sie einen solchen Anker mit den übrigen Schritten gegen Lampenfieber verbinden, zeigt der Beitrag Lampenfieber überwinden mit NLP.

Das Gespräch mit dem Kunden, der nachverhandelt. Eine Projektleiterin gibt in Preisgesprächen schnell nach. Sie braucht die Fähigkeit, ein „Nein“ stehen zu lassen, ohne es sofort zu erklären. Eine Erinnerung dazu fällt ihr erst nach einigem Suchen ein. Im Sportverein hat sie einem Vater ruhig gesagt, dass sein Sohn am Samstag nicht spielt, und dann geschwiegen. Eine Erinnerung aus einem anderen Lebensbereich hat hier einen Vorteil, denn an ihr hängt kein Ärger über das letzte Preisgespräch.

Was tun, wenn Ihnen gar keine Erinnerung einfällt? Dann konstruieren Sie den Zustand. Sie denken an einen Menschen, den Sie in genau dieser Verfassung erlebt haben, und stellen sich vor, Sie stünden an seiner Stelle, mit seiner Haltung und seinem Tempo. Oder Sie fragen sich, wie Sie sitzen und atmen würden, wenn Sie die Ruhe schon hätten. Im NLP heißt diese Frageform Als-ob-Rahmen. Ob ein konstruierter Zustand so deutlich wird wie ein erinnerter, zeigt Ihnen der Test in Schritt 5.

Übung: den Ressourcenzustand herstellen und ankern

Planen Sie eine Viertelstunde an einem Ort ein, an dem Sie niemand unterbricht. Legen Sie Papier und Stift bereit. Sie können die Übung im Sitzen oder im Stehen machen. Im Stehen spüren Sie Haltung und Stand deutlicher.

  1. Ressource benennen und Erinnerung wählen. Schreiben Sie auf, welche Fähigkeit Ihnen in der kommenden Situation fehlt, und zwar so konkret wie möglich. „Selbstbewusst sein“ ist zu groß. „Den ersten Satz langsam sprechen“ ist brauchbar. Suchen Sie dann eine Situation, in der Sie genau das hatten, egal in welchem Lebensbereich. Wenn keine kommt, konstruieren Sie den Zustand wie im Abschnitt oben.

  2. Assoziieren. Gehen Sie in Gedanken an Ihren Platz von damals und schauen Sie aus Ihren eigenen Augen. Was sehen Sie vor sich, was hören Sie? Wie stehen und atmen Sie, und wo im Körper spüren Sie den Zustand? Wenn Sie Ihr eigenes Gesicht sehen, betrachten Sie sich noch von außen. Wie der Wechsel in die eigene Sicht gelingt und was die Gedächtnisforschung dazu sagt, steht im Beitrag Assoziiert und dissoziiert im NLP.

  3. Kalibrieren. Geben Sie dem Zustand eine Zahl zwischen 0 und 10 und notieren Sie zwei oder drei Signale, an denen Sie ihn erkennen. Zum Beispiel tiefere Schultern und einen Atem, der bis in den Bauch geht. Im NLP heißt dieses genaue Beobachten Kalibrieren. Normalerweise kalibrieren Sie ein Gegenüber, hier kalibrieren Sie sich selbst. Diese Notiz brauchen Sie für den Test. Liegt der Zustand unter 5, nehmen Sie eine andere Erinnerung oder gehen Sie tiefer in Einzelheiten.

  4. Ankern. Wählen Sie einen Reiz, den Sie im Alltag sonst nicht setzen und unauffällig wiederholen können, etwa einen Druck von Daumen und Ringfinger. Rufen Sie den Zustand erneut auf. Setzen Sie den Anker, während er stärker wird, halten Sie ihn einige Sekunden und lösen Sie ihn, bevor der Zustand nachlässt. Beim Zeitpunkt sind sich die Quellen nicht einig. Die NLP Academy setzt den Anker auf dem Höhepunkt. Im Beitrag Ankern: Nutzen und Grenzen empfehle ich, schon beim Aufbau des Zustands zu koppeln. Probieren Sie beides und vergleichen Sie im Test. Wiederholen Sie das Ankern zwei- oder dreimal und schütteln Sie dazwischen kurz die Hände aus oder schauen Sie aus dem Fenster. Diese Unterbrechung heißt Separator.

  5. Testen. Denken Sie eine Minute an etwas Belangloses, etwa an Ihren Einkaufszettel. Lösen Sie dann den Anker aus, ohne die Erinnerung bewusst aufzurufen. Vergleichen Sie mit Ihrer Notiz. Kommen die Signale wieder, und welche Zahl würden Sie jetzt geben? Wenn kaum etwas passiert, gehen Sie zurück zu Schritt 2. Prüfen Sie dabei, ob die Erinnerung stark genug war und ob Sie den Reiz im Alltag ohnehin oft setzen.

  6. Future Pace. Stellen Sie sich die kommende Situation vor, und zwar den Moment kurz bevor es schwierig wird. Die Studentin denkt an die erste Frage der Prüferin, der Teamleiter an den Weg zum Rednerpult. Lösen Sie dort den Anker aus und spielen Sie die Szene im Kopf weiter, mit dem Zustand. Dieser Schritt heißt Future Pace. Wenn die Szene an einer Stelle kippt, haben Sie den Punkt gefunden, an dem Sie den Anker im Ernstfall setzen.

Danach kommt die Probe im Alltag. Setzen Sie den Anker zuerst vor einem Termin, bei dem wenig auf dem Spiel steht, und notieren Sie, was anders war. Ein Anker, den Sie wochenlang nicht benutzen, verliert an Wirkung. Frischen Sie ihn deshalb auf, indem Sie die Schritte 2 bis 4 gelegentlich wiederholen. Wenn mehrere Erinnerungen zu derselben Ressource passen, können Sie sie auf denselben Anker legen. Das heißt Anker stapeln.

Wo die Übung an Grenzen stößt

Belege für genau diese Übung kenne ich nicht. Jackie Sturt und ihr Team haben 2012 im British Journal of General Practice eine systematische Übersicht zu NLP und Gesundheit veröffentlicht. Von 1459 Treffern erfüllten zehn Studien die Kriterien, fünf davon waren randomisierte kontrollierte Studien. Vier dieser fünf fanden keinen Unterschied zwischen den Gruppen. Das Fazit der Autorinnen und Autoren lautet, es gebe wenig Belege, dass NLP gesundheitliche Ergebnisse verbessert. Sie betonen, das liege an Menge und Qualität der Forschung und sei kein belastbarer Nachweis, dass NLP nicht wirkt. Die Übung zum Ressourcenzustand untersucht die Übersicht nicht gesondert. Mehr zur Studienlage steht im Beitrag Kritik an NLP: Was die Forschung sagt.

Auch zur Körperhaltung, die in Schritt 2 eine Rolle spielt, ist die Forschung vorsichtiger geworden. Dana Carney, Amy Cuddy und Andy Yap berichteten 2010 von 42 Versuchspersonen, bei denen zwei Minuten in einer raumgreifenden Haltung Testosteron erhöht und Cortisol gesenkt hätten. Eva Ranehill und Kollegen wiederholten den Versuch 2015 mit mehr Teilnehmenden. Die Versuchspersonen fühlten sich mächtiger, körperliche Effekte und Folgen fürs Verhalten fanden sich nicht. Carney hat sich 2016 von den eigenen Ergebnissen distanziert. Eine Metaanalyse von 2022 fand eine verlässliche Wirkung auf Gedanken und Gefühle, aber keine auf körperliche Messwerte. So fasst es der Wikipedia-Artikel zum Power Posing zusammen. Für die Übung heißt das, dass die Haltung das eigene Erleben verändern kann. Hormone schaltet sie nach diesem Stand nicht um.

Zwei weitere Grenzen ergeben sich aus der Sache selbst:

  • Vorbereitung geht vor. Ein Ressourcenzustand ersetzt weder Lernen noch Proben. Wer den Stoff für die Prüfung nicht kann, bekommt durch den Anker keine Antworten.
  • Angst und Erschöpfung gehören nicht in eine Selbstübung. Starke Prüfungsangst oder Panik vor Auftritten lässt sich mit einem Anker nicht abschalten. Wer seit Wochen erschöpft ist, braucht weniger Last. Anhaltende Angst oder Erschöpfung gehören in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Häufige Fragen

Was ist ein Ressourcenzustand im NLP?

Ein Ressourcenzustand ist eine innere Verfassung, in der Ihnen eine Fähigkeit zur Verfügung steht, die eine Situation verlangt, etwa Ruhe vor einem Vortrag. Das Gegenstück heißt Problemzustand. Im NLP rufen Sie den Ressourcenzustand über eine Erinnerung auf und koppeln ihn an einen Anker, damit Sie ihn später schneller erreichen.

Wie stelle ich einen Ressourcenzustand her?

Benennen Sie die Fähigkeit, die Ihnen fehlt, und suchen Sie eine Situation, in der Sie sie hatten. Gehen Sie in diese Erinnerung hinein und erleben Sie sie aus Ihren eigenen Augen, mit dem, was Sie damals gesehen und im Körper gespürt haben. Wenn Ihnen keine Erinnerung einfällt, stellen Sie sich vor, wie Sie stehen und atmen würden, wenn Sie den Zustand schon hätten.

Wie ankere ich einen Ressourcenzustand?

Setzen Sie einen seltenen, eindeutigen Reiz, etwa einen Druck von zwei Fingern, während der Zustand stärker wird, und lösen Sie ihn, bevor er nachlässt. Wiederholen Sie das zwei- oder dreimal mit kurzen Pausen. Testen Sie danach, ob der Reiz allein den Zustand zurückholt. Die ganze Übung steht oben in sechs Schritten.

Wie lange hält der Anker?

Das hängt davon ab, wie oft Sie ihn benutzen und auffrischen. Ein Anker, den Sie ein halbes Jahr nicht auslösen, ist meist kaum noch spürbar. Studien, die die Haltbarkeit solcher Anker messen, kenne ich nicht. Notieren Sie deshalb selbst, wie gut er nach einigen Wochen noch wirkt.

Was ist der Unterschied zum Circle of Excellence?

Beim Circle of Excellence ist der Anker ein vorgestellter Kreis auf dem Boden, in den Sie hineintreten. Der Ablauf ist sonst derselbe. Der Kreis passt, wenn Sie in der Situation einen festen Platz haben, etwa am Rednerpult. Eine Geste können Sie überall unbemerkt setzen.

Weiterlesen und mit Begleitung üben

Die übrigen Techniken zu Zuständen und Ankern finden Sie mit Kurzanleitung in der Übersicht NLP-Techniken: 20 Techniken nach Bereich. Wie Sie einen belastenden Zustand mit einem Ressourcenanker abschwächen, beschreibt die Anleitung zum Anker verschmelzen.

Allein lernen Sie, wie gut der Anker bei Ihnen greift. Für eine bestimmte Prüfung oder ein Gespräch, das Ihnen bevorsteht, hilft oft ein Gegenüber, das nachfragt, wenn die Ressource noch zu allgemein formuliert ist. Das ist ein Teil der Arbeit im Coaching für Beruf und Führung.

Möchten Sie das auf Ihren Kontext übertragen?

Im Erstgespräch sprechen wir über Ihr konkretes Anliegen und einen sinnvollen nächsten Schritt.