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Thilo Krause
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Thilo Krause

Anker verschmelzen: Anleitung in sieben Schritten, mit Beispiel und Übung

Anker verschmelzen, englisch Collapsing Anchors, Schritt für Schritt: wie Sie einen hilfreichen und einen belastenden Zustand ankern, beide zugleich auslösen und danach prüfen, was sich geändert hat. Mit einem erfundenen Beispiel aus einer Preisverhandlung, einer Übung für sich allein, Sicherheitsregeln und dem, was die Forschung dazu sagt.

Person sitzt nachdenklich an einem Fenster

Es gibt Situationen, die zuverlässig denselben Zustand auslösen. Der Einkäufer sagt „Da müssen Sie beim Preis noch etwas tun“, und Ihr Nacken wird hart. Die Kalendererinnerung für das Gespräch mit der Bereichsleitung erscheint, und Sie lesen dieselbe Folie zum vierten Mal. Für solche Kopplungen lehrt NLP ein eigenes Format, das Verschmelzen von Ankern.

Was der Begriff bedeutet, steht kurz im Lexikoneintrag zum Anker verschmelzen. Hier geht es um die Durchführung. Sie lesen, wie Sie die beiden Anker setzen, wann die Unterbrechung kommt, wie Sie testen und woran Sie merken, dass Sie besser mit Begleitung weiterarbeiten. Dazu kommen ein erfundenes Beispiel, eine Übung für sich allein und das, was über die Wirkung bekannt ist.

Was ist Anker verschmelzen und wann wird es eingesetzt?

Ein Anker ist ein Reiz, der an einen inneren Zustand gekoppelt ist und ihn später wieder aufrufen kann. Wie ein einzelner Anker entsteht und was er leistet, beschreibe ich im Beitrag Ankern: Nutzen und Grenzen.

Beim Verschmelzen arbeiten Sie mit zwei Ankern. Der eine ist an einen belastenden Zustand gekoppelt, der andere an einen hilfreichen. Beide werden gleichzeitig ausgelöst. Danach soll der belastende Zustand schwächer ausfallen, wenn sein Auslöser im Alltag wieder auftaucht. Das NLP-Lexikon von Landsiedel beschreibt die Bedingung dafür so: Der stärkere Anker, in der Regel der positive, überlagert den schwächeren.

Gedacht ist das Format für Reaktionen, die an einen bestimmten Auslöser gebunden sind und in einem überschaubaren Rahmen bleiben. Typische Anlässe sind Anspannung vor einem bestimmten Gesprächspartner oder Gereiztheit bei einer Rückfrage, die jede Woche wiederkommt. Für Ängste, die Ihr Leben einschränken, ist es nicht gedacht. Dazu mehr im Abschnitt zur Übung.

Zur Herkunft schreibt das Landsiedel-Lexikon, das Konzept beruhe auf der klassischen Konditionierung nach Iwan Pawlow und sei im NLP von Richard Bandler und John Grinder weiterentwickelt worden. Als Literatur nennt es unter anderem deren Buch Frogs into Princes aus dem Jahr 1979.

Wie verschmilzt man Anker? Der Ablauf in sieben Schritten

Der Ablauf unten ist für zwei Personen beschrieben, eine übt, eine begleitet. Ein Beitrag im Mediation Blog von Wolters Kluwer nennt dieselben Bausteine: den belastenden Zustand ankern, den hilfreichen ankern oder stapeln, beide verschmelzen, testen und die Zukunft vorwegnehmen. Ich setze den hilfreichen Anker zuerst, weil Sie dann aus einem guten Zustand in den schwierigen Teil gehen.

  1. Zwei Zustände wählen. Den belastenden Zustand, der schwächer werden soll, und einen hilfreichen, den Sie aus einer anderen Situation sicher kennen. Im NLP heißt der zweite Ressourcenzustand. Er sollte zur schwierigen Situation passen. Wer bei Preisverhandlungen verkrampft, braucht eher Gelassenheit unter Druck als Ausgelassenheit von einer Feier.
  2. Den Ressourcenanker setzen. Sie erinnern sich an eine konkrete Situation mit dem hilfreichen Zustand und gehen in sie hinein, als wären Sie wieder dort. Während der Zustand sich aufbaut, berührt die Begleitung eine bestimmte Stelle, zum Beispiel Ihren rechten Oberarm. Die Berührung endet, bevor der Zustand nachlässt. Wiederholen Sie das drei- bis viermal mit einer Pause dazwischen.
  3. Den Ressourcenanker prüfen. Die Begleitung berührt dieselbe Stelle, ohne dass Sie sich bewusst erinnern. Kommt der Zustand deutlich zurück, geht es weiter. Kommt er schwach, setzen Sie den Anker noch einmal oder koppeln eine zweite Erinnerung an dieselbe Stelle. Das heißt Anker stapeln.
  4. Unterbrechen. Eine belanglose Frage, etwa nach dem Weg zur Arbeit, holt Sie aus dem Zustand. Im NLP heißt diese Unterbrechung Separator, im Englischen auch Break State. Sie trennt die beiden Zustände, damit der eine nicht in den nächsten Schritt hineinzieht.
  5. Den Problemanker setzen. Sie denken an die schwierige Situation, gerade so weit, dass Sie den Zustand erkennen. Die Begleitung berührt eine zweite Stelle, etwa den linken Oberarm. Einmal genügt, und danach folgt wieder ein Separator.
  6. Beide Anker gleichzeitig auslösen. Die Begleitung berührt beide Stellen zugleich. Es kann sein, dass Sie dabei einige Sekunden lang beides zugleich spüren. Ich lasse den Problemanker zuerst los und halte den Ressourcenanker noch einige Sekunden länger, bis der Ausdruck im Gesicht ruhiger wird. Darauf zu achten, gehört zum Kalibrieren.
  7. Testen und vorwegnehmen. Nach einem weiteren Separator berührt die Begleitung den Problemanker allein, oder Sie denken an die schwierige Situation. Achten Sie darauf, was jetzt kommt. Ist der belastende Zustand noch so stark wie vorher, wiederholen Sie Schritt 6. Das Landsiedel-Lexikon schreibt dazu, man wiederhole, bis der positive innere Zustand überwiegt. Zum Schluss stellen Sie sich die nächste reale Situation vor, in der der Auslöser auftauchen wird. Das heißt Future Pace.

Liegen der belastende und der hilfreiche Zustand weit auseinander, etwa Lähmung und Tatendrang, schiebt NLP Zwischenstufen ein. Dieses Format heißt Ankerkette.

Erfundenes Beispiel: die Preisverhandlung

Das folgende Beispiel ist erfunden.

Lena ist Vertriebsingenieurin bei einem Maschinenbauer. In Jahresgesprächen mit Einkäufern kommt irgendwann der Satz „Da müssen Sie beim Preis noch etwas tun“. Dann wird ihr Nacken hart, sie redet schneller und bietet einen Nachlass an, bevor jemand danach gefragt hat. Ruhig ist sie dagegen beim Volleyball im Verein, wenn sie beim Satzball an der Aufschlaglinie steht. Sie atmet aus, schaut auf den Punkt, an dem der Ball landen soll, und schlägt auf.

In einer Übungsgruppe probiert sie das Format mit Jens, einem Teilnehmer aus ihrer Ausbildung. Er fragt vorher, ob Berührungen an den Oberarmen in Ordnung sind. Die Aufschlaglinie kommt auf den rechten Oberarm. Beim ersten Test kommt die Ruhe kaum zurück, also koppelt Jens eine zweite Erinnerung dazu, einen Moment beim Segeln. Danach reicht die Berührung, und Lena atmet sichtbar aus.

Nach einer Frage zu ihrem Mittagessen denkt sie an den Satz des Einkäufers. Jens setzt den Problemanker am linken Oberarm, kurz, sobald ihre Schultern hochgehen. Wieder eine Frage zu etwas Belanglosem. Dann berührt er beide Arme. Lena sagt später, für ein paar Sekunden habe sie beides gleichzeitig gespürt. Jens lässt den linken Arm los, hält den rechten und wartet, bis ihre Schultern sinken.

Beim Test denkt sie wieder an den Satz. Die Anspannung ist da, aber schwächer, und sie merkt, dass sie eine Gegenfrage im Kopf hat statt eines Nachlasses. Zum Schluss stellt sie sich das Gespräch mit einem bestimmten Einkäufer in drei Wochen vor.

In diesem Gespräch fällt der Satz tatsächlich. Lena spürt die Anspannung, redet aber langsamer und fragt, was der Einkäufer mit dem Angebot des Wettbewerbers vergleicht. Ob das am Format liegt oder daran, dass sie sich vorher eine Stunde lang mit genau diesem Satz befasst hat, kann sie nicht sagen.

Anker verschmelzen allein: eine Übung mit Sicherheitsregeln

Allein fehlt Ihnen die Person, die Ihren Zustand von außen beobachtet und den richtigen Moment für die Berührung wählt. Deshalb ist diese Fassung vorsichtiger angelegt. Sie brauchen etwa 20 Minuten, einen ruhigen Platz und einen Zettel.

  1. Ein mildes Thema wählen, 2 Minuten. Schätzen Sie den belastenden Zustand auf einer Skala von 0 bis 10 ein. Für die Übung allein eignen sich Themen bis etwa 4, also eine Reaktion, die stört, Sie aber nicht aus der Bahn wirft. Notieren Sie die Zahl.
  2. Den hilfreichen Zustand wählen, 2 Minuten. Eine konkrete Situation, in der Sie ruhig, klar oder gelassen waren. Wie Sie aus den eigenen Augen in eine solche Erinnerung hineingehen, zeigt die Übung zu assoziiert und dissoziiert.
  3. Den Ressourcenanker setzen, 5 Minuten. Legen Sie die rechte Hand mit leichtem Druck auf den rechten Oberschenkel, während der Zustand stärker wird. Lösen Sie die Hand, bevor er nachlässt. Dreimal, mit einer kurzen Pause. Dann testen Sie ihn. Kommt der Zustand nicht zurück, hören Sie hier auf und üben an einem anderen Tag weiter.
  4. Aufstehen und unterbrechen, 1 Minute. Gehen Sie zum Fenster und zählen Sie die Fenster des Hauses gegenüber.
  5. Den Problemanker setzen, 2 Minuten. Denken Sie kurz an die schwierige Situation und legen Sie dabei die linke Hand auf den linken Oberschenkel. Einmal reicht. Danach wieder aufstehen und unterbrechen.
  6. Beide Hände auflegen, 2 Minuten. Legen Sie beide Hände gleichzeitig auf. Nach etwa zehn Sekunden heben Sie die linke Hand an und lassen die rechte noch eine halbe Minute liegen.
  7. Testen und notieren, 4 Minuten. Unterbrechen Sie noch einmal und denken Sie dann an die schwierige Situation. Schätzen Sie den Zustand wieder auf der Skala ein und schreiben Sie die Zahl neben die erste. Notieren Sie außerdem, wann die Situation das nächste Mal ansteht, und schreiben Sie danach auf, wie Sie tatsächlich reagiert haben.

Weitere Übungen für zuhause, die Sie allein machen können, stehen im Beitrag NLP-Übungen für zuhause.

Wann Sie aufhören sollten

  • Der belastende Zustand wird stärker. Wenn die Zahl nach Schritt 6 höher ist als am Anfang, brechen Sie ab. Stehen Sie auf, gehen Sie ein paar Minuten nach draußen und wiederholen Sie die Übung zu diesem Thema nicht allein.
  • Der hilfreiche Zustand kippt. Wenn sich der Ressourcenanker bei späteren Tests nach dem Problemzustand anfühlt, setzen Sie ihn an einer neuen Stelle neu. Die alte Stelle lassen Sie ruhen.
  • Ihnen fällt keine passende Ressource ein. Dann fehlt die Grundlage, und mehr Wiederholungen ändern daran nichts.

Wann Sie besser mit Begleitung arbeiten

Ein Coach oder eine Übungspartnerin aus einer Ausbildung hilft, wenn Sie das Format zweimal allein versucht haben und sich in der echten Situation nichts geändert hat. Ebenso, wenn das Thema auf der Skala über 4 liegt oder wenn Sie beim Üben merken, dass hinter der Reaktion mehr steckt als ein Auslöser, etwa ein Konflikt mit einer bestimmten Person.

Ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe brauchen Sie, wenn Sie Situationen wegen einer Angst meiden, wenn Panikattacken auftreten, wenn es um belastende Erlebnisse wie einen Unfall, Gewalt oder einen Verlust geht oder wenn Sie über Wochen niedergeschlagen sind. Dafür ist das Format nicht gemacht, auch nicht mit einem Coach. Das Landsiedel-Lexikon hält ebenfalls fest, dass es für tiefe Traumata allein nicht ausreicht.

Was die Forschung zeigt und was nicht

Zum Verschmelzen von Ankern als NLP-Format kenne ich keine Studie. Die Beschreibungen, die ich gefunden habe, stammen aus NLP-Lexika und Blogbeiträgen. Sie erklären, wie das Format abläuft, belegen aber nicht, dass es wirkt. Das Landsiedel-Lexikon führt als Grundlage Neuroplastizität an, nennt dafür aber keine Untersuchung.

Ein Gedanke aus der Lernpsychologie liegt nahe. Dort heißt das Prinzip, eine unerwünschte Reaktion auf einen Reiz durch eine erwünschte zu ersetzen, Gegenkonditionierung. Laut Wikipedia zeigte Mary Cover Jones damit, dass sich einem kleinen Jungen die Angst vor Kaninchen nehmen ließ. Eine der verbreitetsten Formen ist die systematische Desensibilisierung, bei der Muskelentspannung als positiver Gegenreiz dient. Das ist ein Verfahren aus der Verhaltenstherapie. Dass es ein verwandtes Prinzip gibt, sagt nichts darüber, ob zwei Berührungen am Oberarm in einer Sitzung dasselbe bewirken.

Wie es um die Belege für NLP insgesamt steht, fasse ich im Abschnitt Kritik an NLP: Was die Forschung sagt zusammen.

Drei Einschränkungen halte ich für wichtig:

  • Ein Ergebnis in der Übung ist noch keines im Alltag. Dass der Zustand im Übungsraum schwächer wirkt, kann am Format liegen, an der Ablenkung oder daran, dass Sie sich mit dem Thema befasst haben. Aussagekräftig sind Ihre Notizen aus den nächsten echten Situationen.
  • Die Reaktion kann sinnvoll sein. Wer bei einem bestimmten Kunden angespannt ist, hat vielleicht Grund dazu, etwa weil der Kunde Absprachen nicht einhält. Dann gehört das Thema in ein Gespräch und nicht auf den Oberarm.
  • Wer schlecht vorbereitet ist, bleibt es. Ein ruhigerer Zustand in der Preisverhandlung hilft wenig, wenn Sie Ihre Kalkulation nicht kennen.

Häufige Fragen

Was bedeutet Collapsing Anchors?

Collapsing Anchors ist der englische Name für das Verschmelzen von Ankern. Zwei Anker für gegensätzliche Zustände werden gleichzeitig ausgelöst, damit der belastende Zustand schwächer wird. Die Kurzdefinition steht im Lexikoneintrag.

Kann man Anker allein verschmelzen?

Ja, mit den eigenen Händen als Anker, wie in der Übung oben. Allein fehlt Ihnen allerdings jemand, der Ihren Zustand beobachtet und den Zeitpunkt wählt. Nehmen Sie deshalb für sich allein Themen, die Sie auf einer Skala von 0 bis 10 höchstens mit 4 bewerten, und brechen Sie ab, wenn der belastende Zustand stärker wird.

Welcher Anker muss stärker sein?

Der Ressourcenanker. Das Landsiedel-Lexikon beschreibt, dass der stärkere Anker den schwächeren überlagert. Deshalb setzen Sie den hilfreichen Zustand mehrmals oder stapeln mehrere Erinnerungen darauf und rufen den belastenden Zustand gerade so weit auf, dass Sie ihn erkennen.

Wie oft muss man Anker verschmelzen?

Eine feste Zahl gibt es nicht. Testen Sie nach jedem Durchgang, wie stark der belastende Zustand noch ist, und wiederholen Sie das gleichzeitige Auslösen, solange er sich verändert. Bleibt er nach zwei oder drei Durchgängen gleich, würde ich nicht weiter wiederholen. Prüfen Sie dann die Ressource, oder arbeiten Sie mit Begleitung weiter.

Was ist der Unterschied zwischen Anker verschmelzen und Anker stapeln?

Beim Stapeln koppeln Sie mehrere Erinnerungen an denselben Zustand an einen einzigen Auslöser, damit dieser Zustand stärker abrufbar wird. Beim Verschmelzen treffen zwei verschiedene Zustände aufeinander. Der Beitrag im Mediation Blog von Wolters Kluwer nennt das Stapeln als möglichen Teil der Vorbereitung, damit der Ressourcenanker stark genug wird.

Ist Anker verschmelzen wissenschaftlich belegt?

Nein. Studien zu diesem Format kenne ich nicht. Es gibt ein verwandtes Prinzip aus der Lernpsychologie, die Gegenkonditionierung, die in der Verhaltenstherapie genutzt wird. Daraus folgt aber nicht, dass das NLP-Format wirkt.

Mit Begleitung üben

Das Format lässt sich allein ausprobieren. Den Zeitpunkt für die Berührung trifft eine zweite Person aber zuverlässiger, weil sie Ihren Zustand von außen sieht. Im Coaching für Beruf und Führung arbeiten wir an Situationen, die Sie gerade beschäftigen, und prüfen, ob ein Anker dafür das passende Werkzeug ist. Einen Überblick über weitere Techniken mit Kurzanleitungen gibt die Liste der NLP-Techniken.

Möchten Sie das auf Ihren Kontext übertragen?

Im Erstgespräch sprechen wir über Ihr konkretes Anliegen und einen sinnvollen nächsten Schritt.