Verzerrung im Meta-Modell des NLP
Kurzdefinition
Verzerrung heißt im Meta-Modell des NLP, dass ein Satz einen Zusammenhang, eine Bedeutung oder ein Wissen über andere als Tatsache hinstellt, obwohl es eine Deutung ist. Die passende Frage will wissen, worauf sich die Deutung stützt.
Ausführlich erklärt
Die Verzerrung ist die dritte Gruppe des Meta-Modells, neben der Tilgung und der Generalisierung. Sie ist am schwersten zu hören. Einem getilgten Satz fehlt etwas, und eine Generalisierung verrät sich durch ein "immer". Ein verzerrter Satz klingt wie eine Feststellung.
Fünf Muster gehören zur Verzerrung:
- Nominalisierung. Ein Vorgang wird zum Ding. Aus "wir streiten" wird "der Konflikt".
- Gedankenlesen. Jemand gibt an zu wissen, was ein anderer denkt oder fühlt.
- Ursache-Wirkung. Ein Verhalten soll ein Gefühl oder eine Reaktion zwangsläufig auslösen.
- Komplexe Äquivalenz. Ein beobachtetes Verhalten wird mit einer Bedeutung gleichgesetzt.
- Vorannahme. Der Satz setzt etwas voraus, das erst zu prüfen wäre.
Drei typische Sätze und die Frage, die sie öffnet:
- "Die Kundin hält uns für Anfänger." Die Frage: "Woran merken Sie das? Was hat sie gesagt?"
- "Seine Art macht mich aggressiv." Die Frage: "Was genau tut er, und was passiert dann bei Ihnen?"
- "Sie schaut beim Reden aufs Handy, sie nimmt mich nicht ernst." Die Frage: "Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?"
Weitere Sätze zu jedem Muster stehen im Abschnitt zur Verzerrung des Beitrags zum Meta-Modell.
Die Frage prüft, worauf sich eine Deutung stützt. Wer danach eine zweite Deutung sucht, ist beim Bedeutungsreframing. Für Überzeugungen der Form "A bedeutet B" gibt es im NLP außerdem eine eigene Sammlung von Mustern, Sleight of Mouth.
Beispiel: eine Mail ohne Anrede
Ein Projektleiter bekommt von seiner Bereichsleiterin eine Mail aus zwei Zeilen, ohne Anrede und ohne Gruß: "Bitte bis Mittwoch die Zahlen. Wir müssen reden." Zu einem Kollegen sagt er: "Sie ist sauer auf mich. Das Projekt wird mir entzogen."
Der Kollege fragt: "Woran merkst du, dass sie sauer ist?" Am Ton der Mail, sagt der Projektleiter. Auf die Frage, wie ihre Mails sonst aussehen, öffnet er den Posteingang. Vier ihrer letzten fünf Mails haben keine Anrede.
Übrig bleibt "Wir müssen reden". Was das heißt, weiß nur sie. Er schreibt zurück und fragt, worum es am Mittwoch gehen soll, damit er sich vorbereiten kann. Die Antwort kommt nach einer Stunde. Es geht um das Budget für das nächste Jahr.
Es hätte auch anders ausgehen können. Eine gute Nachricht hat ihm die Frage nicht verschafft. Sie hat eine Vermutung von dem getrennt, was in der Mail stand.
Grenzen und häufige Missverständnisse
Studien, die prüfen, ob Fragen nach Verzerrungen mehr bringen als aufmerksames Nachfragen ohne Modell, kenne ich nicht. Das Modell ordnet die Fragen und gibt ihnen Namen. Gestellt werden sie auch von Menschen, die nie von NLP gehört haben. Mehr zur Studienlage steht im Abschnitt zur Kritik an NLP.
Drei Grenzen halte ich für wichtig:
- Manche Deutung trifft zu. Wer seit Jahren mit jemandem arbeitet, liest dessen Stimmung oft richtig. "Woran merken Sie das?" prüft eine Deutung. Widerlegt ist sie damit nicht.
- Die Zuordnung der Muster schwankt. Die Nominalisierung steht in manchen Ausbildungen bei der Tilgung. Am Vorgehen im Gespräch ändert das nichts.
- Als Waffe taugen die Fragen nicht. "Woher wollen Sie das wissen?" bringt jeden zum Schweigen, der gerade von einem Eindruck erzählt. Fragt die Vorgesetzte, wiegt das doppelt.
Verwandte Begriffe
- Meta-Modell
Alle dreizehn Muster mit Beispielsatz und Frage, dazu ein Beispieldialog.
- Tilgung
Die erste Gruppe des Meta-Modells, Sätze, in denen etwas fehlt.
- Generalisierung
Die zweite Gruppe, Sätze mit immer, nie und muss.
- Bedeutungsreframing
Nach der Prüfung der ersten Deutung eine zweite suchen.