Assoziiert und dissoziiert: zwei Arten, sich zu erinnern
Kurzdefinition
Assoziiert erleben Sie eine Situation aus Ihren eigenen Augen, so als wären Sie mittendrin. Dissoziiert sehen Sie sich selbst in der Situation, etwa wie auf einer Leinwand oder von der anderen Seite des Raumes aus.
Ausführlich erklärt
Probieren Sie es an Ihrer letzten Besprechung aus. Sehen Sie den Tisch und die Kollegen so vor sich, wie Sie sie von Ihrem Platz aus gesehen haben? Oder sehen Sie sich selbst am Tisch sitzen? Die erste Art nennt NLP assoziiert, die zweite dissoziiert. Die meisten Menschen können zwischen beiden wechseln, wenn man sie darum bittet.
Im NLP gehört die Unterscheidung zu den Submodalitäten, weil sie beschreibt, wie ein inneres Bild gebaut ist. Nach der üblichen Faustregel spüren Sie assoziiert die Gefühle einer Situation stärker. Dissoziiert treten sie zurück, und Sie sehen mehr vom Zusammenhang.
Daraus folgen zwei Anwendungen, die in fast jeder Ausbildung vorkommen. In eine gute Erinnerung gehen Sie bewusst hinein, etwa wenn Sie einen Ressourcenzustand aufrufen. Aus einer unangenehmen Erinnerung treten Sie heraus und betrachten sich von außen, wenn Sie aus ihr lernen wollen, ohne sie noch einmal ganz durchzumachen.
Verwandt ist die Beobachterposition bei den Wahrnehmungspositionen. Dort geht es um den Blick auf ein Gespräch zwischen zwei Menschen. Bei assoziiert und dissoziiert geht es zuerst um die Frage, von wo aus Sie eine Erinnerung sehen.
Beispiel: die Nachbesprechung eines verlorenen Pitches
Eine Beraterin hat einen Pitch verloren. Ein Partner des Kunden hatte mitten in ihrer Präsentation die Kalkulation infrage gestellt, und sie war ins Schwimmen geraten. Wenn sie daran denkt, steht sie wieder vor dem Bildschirm, hört die Frage und spürt die Hitze im Gesicht. Zur Nachbesprechung mit ihrem Team will sie trotzdem etwas Brauchbares beitragen.
Vor dem Termin geht sie die Szene noch einmal durch, diesmal von der hinteren Wand des Raumes aus. Sie sieht eine Frau vor dem Bildschirm, die auf die Frage hin schneller spricht und zur nächsten Folie springt, statt zu antworten. Aus dieser Entfernung fällt ihr auf, was sie im Moment selbst nicht bemerkt hat. Die Frage war berechtigt, und die Antwort stand im Anhang.
In der Nachbesprechung schlägt sie vor, die Kalkulation künftig nach vorn zu ziehen und Einwände dazu vorab zu üben. Angenehm ist ihr die Erinnerung immer noch nicht. Sie kann aber darüber reden, ohne sich zu verteidigen.
Grenzen und häufige Missverständnisse
Für die Unterscheidung selbst gibt es Forschung außerhalb von NLP. Georgia Nigro und Ulric Neisser beschrieben 1983, dass Menschen persönliche Erinnerungen teils aus der eigenen Sicht und teils aus der Sicht eines Beobachters abrufen. Ethan Kross, Özlem Ayduk und Walter Mischel ließen 2005 Versuchspersonen über eine Erfahrung nachdenken, die sie wütend gemacht hatte, entweder aus der eigenen Sicht oder mit Abstand von außen. Wer Abstand nahm, reagierte im Durchschnitt weniger aufgewühlt.
Das passt zur NLP-Faustregel. Die NLP-Techniken, die darauf aufbauen, sind damit nicht geprüft. Außerdem beschreiben solche Studien Durchschnittswerte. Ob der Perspektivwechsel bei Ihnen etwas verändert, zeigt erst der Versuch. Wie es um die Belege für NLP insgesamt steht, fasse ich im Beitrag zur Kritik an NLP zusammen.
Zwei Punkte halte ich für wichtig:
- Dauerhafte Distanz ist kein Ziel. Wer unangenehme Gefühle immer nur von außen betrachtet, schiebt sie weg, statt sie zu klären. Manche Gespräche brauchen gerade den Kontakt zum eigenen Ärger oder zur eigenen Enttäuschung.
- Belastende Erlebnisse gehören nicht in eine Selbstübung. In manchen NLP-Seminaren werden Formate mit doppelter Dissoziation als schnelle Hilfe gegen Ängste oder Traumafolgen angeboten. Solche Beschwerden gehören in psychotherapeutische Behandlung.
Wer eine schwierige Situation aus dem Berufsalltag mit Begleitung nachbesprechen will, kann das im Coaching tun.
Verwandte Begriffe
- Submodalitäten
Die übrigen Eigenschaften innerer Bilder, etwa Größe, Nähe und Helligkeit.
- Wahrnehmungspositionen
Ein Gespräch aus der eigenen Sicht, der des anderen und der eines Beobachters.
- Ressourcenzustand
Wofür Sie assoziiert in eine gute Erinnerung hineingehen.
- Swish
Eine Technik, die mit einem dissoziierten Bild von sich selbst arbeitet.