Ideomotorik und ideomotorische Signale
Kurzdefinition
Ideomotorik bezeichnet kleine Muskelbewegungen, die aus einer Vorstellung oder Erwartung entstehen, ohne dass der Mensch sie bewusst steuert. In Hypnose und NLP dienen solche Bewegungen als Antwortsignale, etwa ein Finger für Ja und einer für Nein.
Ausführlich erklärt
Den Begriff prägte der englische Wissenschaftler William Benjamin Carpenter 1852, in einem Aufsatz darüber, wie die von James Braid beschriebene Hypnose wirkt. Im Deutschen heißt das Phänomen auch ideomotorischer Effekt oder Carpenter-Effekt. Stock und Stock zeichnen die Geschichte der Theorie 2004 in der Zeitschrift Psychological Research nach. Sie nennen neben der britischen Linie eine ältere deutsche um Herbart und Lotze.
Zwei frühe Belege stammen aus dem 19. Jahrhundert. Der französische Chemiker Chevreul hielt ein Pendel über Quecksilber. Es schwang, und eine dazwischengeschobene Glasplatte stoppte es. Mit verbundenen Augen, während ein Assistent die Platte heimlich einschob oder entfernte, gab es diesen Effekt nicht mehr. Michael Faraday untersuchte das Tischrücken mit übereinandergelegten Pappen. Sie zeigten, dass sich zuerst die Hände der Teilnehmer bewegten und den Tisch mitzogen. Ray Hyman fasst beide Versuche in einem Aufsatz von 1999 zusammen.
Ideomotorische Signale in Hypnose und NLP
In der Hypnose wird die Bewegung zur Antwort. Der Hypnotiseur vereinbart, welcher Finger für Ja und welcher für Nein steht, manchmal auch einer für "Das möchte ich nicht beantworten". Philip Shenefelt schreibt in seinem historischen Überblick im American Journal of Clinical Hypnosis von 2011, dass LeCron diese Form der Verständigung als Erster in der Hypnoanalyse nutzte und Cheek sie ausbaute.
Bandler und Grinder greifen das 1979 in Frogs into Princes beim Six-Step-Reframing auf. Ihr Vorgehen folge demselben Muster wie Fingersignale, schreiben sie, nur gebe der Hypnotiseur das Signal nicht vor. Der Klient achtet stattdessen auf ein Körpergefühl, ein Bild oder ein Geräusch, das von selbst stärker oder schwächer wird. Wer dabei antworten soll, beschreibt die Teilearbeit, nämlich ein innerer Teil, der für ein Verhalten zuständig ist. Eine Trance ist für die Bewegung selbst keine Voraussetzung, wie das Pendel im Beispiel zeigt.
Beispiel: das Pendel am Küchentisch
Den Effekt können Sie selbst ausprobieren. Binden Sie einen Ring an einen Faden von etwa 20 Zentimetern, halten Sie den Faden zwischen Daumen und Zeigefinger und stützen Sie den Ellbogen auf. Stellen Sie sich vor, der Ring schwinge von links nach rechts, und bewegen Sie die Hand nicht absichtlich. Oft setzt sich der Ring nach einer Weile in Bewegung.
Angenommen, eine Projektleiterin überlegt, ob sie eine neue Stelle annehmen soll. Sie schreibt Ja und Nein auf einen Zettel und hält das Pendel darüber. Es schwingt zum Ja. Dass sie den Ring nicht bewusst bewegt hat, stimmt vermutlich. Das Pendel kann ihr zeigen, was sie gerade erwartet. Ob die Stelle gut für sie ist, kann es ihr nicht sagen.
Grenzen und häufige Missverständnisse
Dass es ideomotorische Bewegungen gibt, ist gut belegt. Strittig ist, was sie anzeigen. Hyman berichtet von kontrollierten Versuchen zur Gestützten Kommunikation, in denen die Botschaften von den Helfern stammten und nicht von den Kindern, deren Finger sie führten. Die Bewegung folgt oft der Erwartung dessen, der sie ausführt, und er merkt es nicht.
In die andere Richtung wies eine Arbeit von Gauchou, Rensink und Fels in Consciousness and Cognition von 2012. Bei Ja-Nein-Fragen, bei denen die Teilnehmer zu raten glaubten, lagen sie mit willentlicher Antwort bei 50 Prozent, mit dem Ouija-Brett bei 65 Prozent. Die Autoren schlossen daraus, dass solche Bewegungen Wissen ausdrücken können, das nicht bewusst abrufbar ist.
Gyorgy Moga und Zoltan Dienes wiederholten den Versuch 2022 im American Journal of Clinical Hypnosis mit 27 Teilnehmern und mit Chevreuls Pendel statt des Bretts. Bei geratenen Antworten lagen Pendel und verbale Antwort gleichauf, bei 52 und 51 Prozent und damit etwa beim Zufall. Der FORRT Replication Atlas führt das als gescheiterte Replikation. Ganz gleich war der Versuch allerdings nicht, denn er kam ohne Augenbinde und ohne eingeweihte Mitspielerin aus. Moga und Dienes folgern, dass niemand voraussetzen kann, eine ideomotorische Bewegung bringe mehr Wissen zutage als eine verbale Antwort, auch nicht in der Hypnotherapie.
Zu Fingersignalen in der Arbeit mit Klienten habe ich vor allem historische Übersichten und Fallberichte gefunden, etwa den Beitrag von Bale im American Journal of Clinical Hypnosis von 2021. Kontrollierte Studien dazu habe ich nicht gefunden. Zur Studienlage insgesamt steht mehr im Abschnitt zur Kritik an NLP.
- Ein Signal ist keine verborgene Wahrheit. In der Bewegung kann die Erwartung stecken, auch die, die eine Frage nahelegt.
- Erinnerungen werden dadurch nicht sicherer. In einer Studie von Joseph Green und Steven Jay Lynn in Applied Cognitive Psychology von 2005 schätzten die Teilnehmer die Daten von 20 internationalen Nachrichtenereignissen, 50 unter Hypnose und 44 mit einer Entspannungsübung. Beide Gruppen schätzten etwa gleich genau und fühlten sich etwa gleich sicher. Als man ihnen sagte, mindestens eine Schätzung sei falsch, änderte die Hypnosegruppe seltener etwas. Fingersignale prüfte die Studie nicht. Sie ist aber ein Grund, ein Signal in Hypnose nicht als Beleg für eine Erinnerung zu nehmen.
- Belastende Erinnerungen gehören in eine Behandlung. Wer nach Traumata oder den Ursachen von Beschwerden sucht, ist bei Ärzten oder Psychotherapeutinnen richtig. Ein NLP-Seminar ersetzt das nicht.
Verwandte Begriffe
- Six-Step-Reframing als Anleitung
Das NLP-Format, das mit unwillkürlichen Signalen arbeitet, und die Fassung ohne sie.
- Teilearbeit
Die Vorstellung innerer Teile, die über solche Signale antworten sollen.
- Trance
Was der Zustand ist, in dem Fingersignale meist vereinbart werden.