Nominalisierung im NLP: zehn Beispiele von leicht bis schwer und die Frage, die den Vorgang zurückholt
Wie Sie Nominalisierungen im Gespräch hören, auch dort, wo das Hauptwort nicht nach einem Verb aussieht. Mit den beiden Proben aus dem Originalbuch, zehn erfundenen Beispielsätzen von leicht bis schwer, je einer Frage zum Zurückholen des Vorgangs, einer Übung mit Lösungen und dem, was beim Nachfragen den Kontakt kostet.
Eine Abteilungsleiterin sagt im Coaching: „Die Priorisierung bei uns ist ein Desaster." Der Satz klingt nach einer Diagnose. Etwas ist kaputt, und niemand kann etwas dafür. Fragt man zurück, wer bei ihr festlegt, was zuerst drankommt, wird es schnell konkret. Zwei Bereichsleiter geben ihren Teams widersprüchliche Reihenfolgen vor, und keiner der beiden weiß davon.
Das Wort Priorisierung hat den Vorgang versteckt. Im Meta-Modell des NLP heißt so ein Wort Nominalisierung. Dieser Beitrag zeigt, woran Sie Nominalisierungen erkennen, auch die schwierigen, bei denen kein Verb mehr zu sehen ist. Dazu kommen zehn Beispielsätze von leicht bis schwer, jeweils mit der Frage, die den Vorgang zurückholt, eine Übung und ein Abschnitt dazu, wann das Nachfragen schadet. Eine kurze Begriffserklärung steht im Lexikoneintrag zur Nominalisierung, den Überblick über alle Muster gibt der Beitrag zum Meta-Modell der Sprache.
Was eine Nominalisierung im Meta-Modell ist
Richard Bandler und John Grinder haben das Meta-Modell 1975 in „The Structure of Magic" beschrieben. Die Nominalisierung führen sie dort in der Gruppe der Verzerrungen. Gemeint ist ein Verb, das im Satz als Hauptwort auftaucht. Aus „ich entscheide" wird „meine Entscheidung", aus „wir planen" wird „die Planung".
Was daran stört, begründen die beiden im dritten Kapitel. Wer einen laufenden Vorgang als Ereignis darstellt, behandelt ihn wie etwas, das zu einem Zeitpunkt geschehen und dann abgeschlossen ist. An einem abgeschlossenen Ereignis lässt sich nichts mehr ändern. Ihr Beispiel ist ein Klient, der sagt, er bereue seine Entscheidung. Solange es „die Entscheidung" ist, liegt sie hinter ihm. Sobald daraus wieder „ich entscheide mich" wird, kann er sich auch anders entscheiden. Dafür fragt man zurück. Der Sprecher soll sehen, dass er an dem Vorgang beteiligt ist und ihn beeinflussen kann.
Bandler und Grinder schreiben auch, dass Nominalisierungen in ihren Seminaren das Muster waren, das Teilnehmer am schwersten erkennen lernten. Deshalb haben sie dafür eigens eine zusätzliche Übung entworfen. Dazu unten mehr.
Nominalisierung in der Grammatik: das andere Wort mit demselben Namen
Wer aus dem Deutschunterricht kommt, kennt Nominalisierung als Begriff der Grammatik. Der Duden beschreibt sie als „als Nomen gebrauchtes Wort (einer anderen Wortart)" und setzt sie mit der Substantivierung gleich. Auch ganze Sätze lassen sich nominalisieren. Aus „der Hund bellt" wird im Duden-Beispiel „das Bellen des Hundes". In der Schule geht es dabei um Großschreibung und um den Nominalstil in Sachtexten. Das Meta-Modell nimmt denselben sprachlichen Vorgang und fragt etwas anderes, nämlich welche Information beim Umbau verloren geht. Wer also nur wissen will, ob „das Lesen" großgeschrieben wird, ist in diesem Beitrag falsch. Wer wissen will, was ein Satz wie „Die Umsetzung stockt" verschweigt, ist richtig.
So erkennen Sie eine Nominalisierung
Bandler und Grinder geben in Kapitel 4 drei Schritte vor. Hören Sie den Satz. Gehen Sie jedes Wort durch, das kein Verb ist, und fragen Sie sich, ob es einen Vorgang beschreibt oder ob es ein Verb gibt, das ähnlich klingt und Ähnliches bedeutet. Prüfen Sie es dann mit einer Probe.
Die Probe im Original ist englisch. Ein echtes Hauptwort passt nicht in die Wendung „an ongoing ___", also „ein andauerndes ___". Einen andauernden Stuhl gibt es nicht, eine andauernde Ehe schon. Auf Deutsch klingt die Wendung oft holprig. Ich nehme meist „laufend" oder „noch nicht abgeschlossen" und frage, ob der Satz dann noch Sinn ergibt. Die laufende Planung, die noch nicht abgeschlossene Trennung ergeben Sinn. Der laufende Schreibtisch ergibt keinen.
Die zweite Probe ist die bekanntere, die Schubkarre. Bandler und Grinder schlagen vor, sich vorzustellen, dass Sie jedes Hauptwort eines Satzes in eine Schubkarre legen. Ein Stuhl passt hinein, eine Entscheidung nicht. Beide Proben sollen sich nach ihrer Anleitung gegenseitig bestätigen. Was in die Wendung mit „andauernd" passt, passt nicht in die Schubkarre.
Im Gespräch reicht mir meist eine dritte, einfachere Frage an mich selbst: Wer tut hier was? Wenn ich auf diese Frage zu einem Hauptwort keine Antwort habe, steckt dahinter oft ein Vorgang mit fehlenden Beteiligten.
Zehn Beispiele von leicht bis schwer
Alle Sätze sind erfunden. Sie klingen so, wie Menschen in Besprechungen und im Coaching reden. Bei jedem steht, welcher Vorgang dahintersteckt, was der Satz weglässt und welche Frage den Vorgang zurückholt. Die Fragen sind Vorschläge. Bandler und Grinder weisen selbst darauf hin, dass es nicht darum geht, ihre Musterlösung zu treffen.
Leicht: das Verb ist noch zu sehen
1. „Ich habe Angst vor der Präsentation am Freitag." Angst gehört zu sich ängstigen. Offen bleibt, was genau befürchtet wird. Die Frage: „Was befürchten Sie, was am Freitag passiert?" Präsentation ist übrigens auch eine Nominalisierung, von präsentieren. Hier ist aber klar, wer was wann tut. Nachfragen bringt nichts.
2. „Die Planung für das Release ist chaotisch." Planung kommt von planen. Der Satz verschweigt, wer plant und an welcher Stelle es durcheinandergeht. Die Frage: „Wer plant was, und wo genau passt es nicht zusammen?"
3. „Die Erwartungen an mich sind zu hoch." Erwartungen kommen von erwarten. Es fehlt, wer erwartet, was erwartet wird und bis wann. Die Frage: „Wer erwartet was von Ihnen, und bis wann?" Oft stellt sich heraus, dass eine einzige Person gemeint ist, oder dass niemand die Erwartung je ausgesprochen hat.
Mittel: das Hauptwort klingt nach einem Zustand
4. „Ich brauche mehr Klarheit." Hinter Klarheit steht kein Verb, sondern das Adjektiv klar. Bandler und Grinder zählen auch solche Wörter mit, wenn ein verwandtes Verb oder Adjektiv dahintersteht. Offen bleibt, worüber Klarheit fehlt und wer sie liefern könnte. Die Frage: „Worüber möchten Sie Bescheid wissen, und wer kann es Ihnen sagen?"
5. „Es gibt bei uns zu viele Abstimmungen." Abstimmung kommt von sich abstimmen. Weggelassen sind die Beteiligten und der Inhalt. Die Frage: „Wer muss sich mit wem worüber abstimmen, bevor Sie weiterarbeiten können?" Die Antwort zeigt meist, welche zwei oder drei Runden man streichen oder zusammenlegen kann.
6. „Die Umstellung auf das neue System macht allen Angst." Hier stecken zwei Nominalisierungen in einem Satz, Umstellung von umstellen und Angst von sich ängstigen. Dazu kommt „allen", eine Verallgemeinerung. Die Fragen der Reihe nach, nicht auf einmal: „Was genau ändert sich für wen?" Danach: „Wer hat Ihnen gesagt, dass ihm das Angst macht?"
Schwer: das Verb ist kaum noch zu erkennen
7. „Wir haben ein Problem mit der Priorisierung." Priorisieren ist ein Verb, das kaum jemand im Alltag benutzt. Deshalb fällt das Hauptwort nicht auf. Es verschweigt, wer die Reihenfolge festlegt und nach welchem Maßstab. Die Frage: „Wer legt bei Ihnen fest, was zuerst kommt, und woran macht er das fest?"
8. „Uns fehlt Ownership." Ein englisches Wort, im Deutschen ohne passendes Verb. Gemeint ist meist, dass jemand die Verantwortung für eine Aufgabe übernimmt und sie zu Ende bringt. Die Frage: „Welche Aufgabe bleibt liegen, und wer sollte sich darum kümmern?" Wer bei Anglizismen wie Ownership, Alignment oder Commitment zurückfragt, merkt oft, dass jeder im Raum etwas anderes damit meint.
9. „Die Transformation kostet uns die Leistungsträger." Transformation ist leicht zu erkennen. Schwieriger ist Leistungsträger. Das Wort bezeichnet Menschen, und die passen in die Schubkarre. Darin steckt aber Leistung, von leisten, und damit eine Bewertung. Wer gilt als Leistungsträger, und wer hat das festgelegt? Die Frage für den ganzen Satz: „Wer hat gekündigt oder denkt darüber nach, und was an der Umstellung bringt die Leute dazu?"
10. „Die Schnittstelle zum Einkauf ist das Problem." Schnittstelle ist grammatisch keine Nominalisierung. Ein Verb „schnittstellen" gibt es nicht. Nach dem zweiten Schritt von Bandler und Grinder zählt aber auch ein Wort, das einen Vorgang beschreibt, und hinter der Schnittstelle stehen Vorgänge wie bestellen, übergeben, freigeben. Die Frage: „Was geben Sie an den Einkauf weiter oder er an Sie, und an welcher Stelle hakt es?"
An Beispiel 9 und 10 sehen Sie, warum die Proben allein nicht reichen. Die Schubkarre sortiert Leistungsträger als Ding aus. Die Schnittstelle passt zwar nicht hinein, aber ein Verb, zu dem Sie zurückfragen könnten, liefert keine der beiden Proben. Die Frage, wer hier was tut, findet in beiden Sätzen den Vorgang.
Übung: vier Sätze und Ihre eigenen
Lesen Sie die vier Sätze, suchen Sie die Nominalisierung und schreiben Sie eine Frage auf, bevor Sie die Lösung lesen.
- „Meine Unsicherheit in Meetings wird immer schlimmer."
- „Die Umsetzung hängt seit Wochen."
- „Wir brauchen mehr Transparenz."
- „Das Onboarding war eine einzige Enttäuschung."
Mögliche Lösungen:
- Unsicherheit, vom Adjektiv unsicher. „In welchen Momenten im Meeting fühlen Sie sich unsicher, und woran merken Sie das?"
- Umsetzung, von umsetzen. „Wer setzt was um, und worauf wartet er gerade?"
- Transparenz, ohne deutsches Verb, gemeint ist etwa offenlegen oder Bescheid sagen. „Wer soll wem was sagen, und wann?"
- Onboarding und Enttäuschung. Die ergiebigere Frage ist meist die zur Enttäuschung: „Was hatten Sie erwartet, und was ist stattdessen passiert?"
Dann die eigentliche Übung. Schreiben Sie drei Sätze auf, die Sie diese Woche über Ihre Arbeit gesagt oder gedacht haben, am besten solche, bei denen Sie sich festgefahren fühlen. Unterstreichen Sie jedes Hauptwort, das nicht in die Schubkarre passt. Schreiben Sie den Satz neu, mit Verb und mit Namen. Aus „Der Austausch mit meinem Chef ist schwierig" wird dann etwa „Ich sage meinem Chef nicht, wenn ich mit einer Aufgabe nicht weiterkomme". Der zweite Satz ist unangenehmer und brauchbarer.
Wann das Nachfragen hilft und wann es den Kontakt kostet
Die Fragen in den Beispielen sind dicht. Bandler und Grinder sagen das von ihren eigenen Musterfragen und empfehlen, in der Praxis mehrere kleine Fragen nacheinander zu stellen, jede für ein Stück. Das deckt sich mit meiner Erfahrung. „Wer plant was, und wo passt es nicht zusammen?" ist auf dem Papier eine Frage. Im Gespräch sind es zwei, mit einer Antwort dazwischen.
Nachfragen hilft, wenn das Hauptwort ein Gespräch festhält. Das merken Sie daran, dass dasselbe Wort immer wieder fällt und niemand sagen kann, was sich ändern müsste. Es hilft auch, wenn eine Vereinbarung ansteht. Eine Vereinbarung über „mehr Transparenz" kann niemand einhalten. Eine darüber, dass die Projektleiterin freitags den Stand in den Teamkanal schreibt, schon.
Schaden kann es in drei Lagen. Wenn jemand gerade von etwas erzählt, das ihn belastet, und Sie auf ein Wort zielen statt auf die Person, hört er, dass Sie seine Sprache prüfen. „Ich habe solche Angst" verlangt in dem Moment Zuhören und keine Gegenfrage. Vor einer Gruppe stellt die Frage nach dem Wer leicht jemanden bloß, weil die Antwort einen Namen enthält. Und wo die Unschärfe gewollt ist, etwa in einer Rede vor der Belegschaft, wirkt eine Rückfrage pedantisch. Wie Sie Fragen weicher einleiten und wann Sie besser zuerst zuhören, steht im Abschnitt Nachfragen, ohne dass es nach Verhör klingt. Warum der Kontakt mehr zählt als jede Fragetechnik, beschreibe ich im Beitrag über Rapport im Gespräch.
Nominalisierung, Chunking und Milton-Modell
Wer eine Nominalisierung auflöst, geht im Gespräch eine Ebene nach unten, vom Allgemeinen zu Personen und Handlungen. Im NLP heißt das Chunk Down. Die Fragen dafür und die Gegenrichtung beschreibt der Beitrag zu Chunking im NLP.
Das Milton-Modell dreht den Spieß um. Dort sind Nominalisierungen erwünscht, weil jeder Zuhörer ein Wort wie Veränderung oder Lernen mit seinem eigenen Inhalt füllt. Dasselbe Muster ist also je nach Absicht ein Problem oder ein Werkzeug. Für die Arbeit mit Führungskräften heißt das: Ein vager Satz in einer Rede kann richtig sein, in einer Zielvereinbarung ist er fast immer falsch.
Was die Forschung sagt und was nicht
Dass Nominalisierungen schwer zu erkennen sind, ist bei Bandler und Grinder eine Beobachtung aus ihren eigenen Seminaren und keine Studie. Studien, die prüfen, ob das Zurückfragen bei Nominalisierungen in Coaching oder Führung mehr bewirkt als gewöhnliches Nachfragen, kenne ich nicht. Die Fragen in diesem Beitrag sind deshalb ein Handwerk, das sich im Gespräch bewähren muss, und kein belegtes Verfahren. Was die Forschung über NLP insgesamt sagt, fasse ich im Abschnitt Kritik an NLP: Was die Forschung sagt zusammen.
Häufige Fragen
Was ist eine Nominalisierung im NLP?
Im Meta-Modell des NLP ist eine Nominalisierung ein Vorgang, der sprachlich als Hauptwort auftritt, etwa Entscheidung statt entscheiden. Der Vorgang wirkt dadurch abgeschlossen, und die Beteiligten verschwinden. Die passende Frage macht daraus wieder ein Verb und fragt, wer was tut.
Was ist der Unterschied zwischen Nominalisierung und Substantivierung?
In der Grammatik meinen beide Wörter dasselbe. Der Duden setzt die Nominalisierung mit der Substantivierung gleich, also mit einem Wort einer anderen Wortart, das als Nomen gebraucht wird. Im NLP zählt, welche Information beim Umbau vom Verb zum Hauptwort verloren geht. Die Wortart ist dabei Nebensache.
Ist jedes Wort auf -ung eine Nominalisierung?
Nein. Eine Zeitung oder eine Rechnung auf Papier kann man in die Schubkarre legen, beide sind Dinge. Umgekehrt haben viele Nominalisierungen keine Endung auf -ung, etwa Angst, Klarheit oder Ownership. Entscheidend ist, ob hinter dem Wort ein Vorgang steht.
Was ist der Schubkarrentest?
Eine Probe aus „The Structure of Magic" von Bandler und Grinder. Sie stellen sich vor, jedes Hauptwort eines Satzes in eine Schubkarre zu legen. Was hineinpasst, ist ein Ding. Was nicht hineinpasst, etwa eine Entscheidung oder Angst, ist wahrscheinlich eine Nominalisierung.
Zählt die Nominalisierung zur Tilgung oder zur Verzerrung?
Bandler und Grinder führen sie bei der Verzerrung. Im selben Kapitel zeigen sie aber Sätze, in denen eine Nominalisierung zusammen mit einer Tilgung auftritt, und Fragen, die beides gleichzeitig aufgreifen. Im Gespräch kommt es auf die Zuordnung nicht an.
Nominalisierungen im Gespräch hören
Auf dem Papier finden Sie Nominalisierungen nach ein paar Übungen schnell. Im Gespräch kommt dazu, das eine Wort zu hören, das gerade alles festhält, und den Moment für die Frage abzuwarten. Im Coaching für Beruf und Führung arbeiten wir an Gesprächen, die Sie gerade beschäftigen. Eine Übersicht über die übrigen Werkzeuge gibt die Liste der NLP-Techniken.