Wahrnehmungspositionen im NLP: eine Übung für das schwierige Gespräch mit einem Kollegen
Wie Sie mit den Wahrnehmungspositionen ein schwieriges Gespräch mit einem Kollegen vorbereiten. Mit den drei Positionen und der vierten, einer Anleitung in acht Schritten, einem erfundenen Beispiel aus dem Controlling, typischen Fehlern und den Fällen, in denen die Übung nicht hilft.
Manche Gespräche haben Sie im Kopf schon fünfmal geführt, bevor sie stattfinden. In jeder Probe sagt der Kollege genau die Sätze, die Sie erwarten, und auf jeden haben Sie eine Antwort. Im echten Gespräch sagt er dann etwas anderes, und die Vorbereitung hilft nicht weiter. Geprobt haben Sie nur aus einem Blickwinkel, aus Ihrem eigenen.
Die Wahrnehmungspositionen sind eine NLP-Übung gegen dieses Problem. Sie gehen dieselbe Situation nacheinander aus Ihrer Sicht, aus der Sicht des anderen und von außen durch und wechseln dafür jedes Mal den Platz. Dieser Beitrag erklärt die Positionen und ihre Herkunft, führt Schritt für Schritt durch die Übung und zeigt an einem Beispiel, was dabei herauskommen kann. Danach folgen die typischen Fehler und die Fälle, in denen Sie die Übung besser lassen. Die Personen im Beispiel sind erfunden. Die kurze Begriffserklärung steht im Lexikoneintrag Wahrnehmungspositionen.
Die drei Wahrnehmungspositionen und die vierte
Eine Wahrnehmungsposition ist der Standpunkt, von dem aus Sie eine Situation erleben. NLP unterscheidet drei davon, manche Ausbildungen ergänzen eine vierte. Am leichtesten halten Sie die Positionen an der Sprache auseinander, denn in jeder sprechen Sie anders über die Beteiligten.
Erste Position. Sie sind Sie selbst. Sie sehen den Kollegen mit Ihren Augen, spüren Ihren Ärger und wissen, was Sie wollen. Sie sprechen in der Ich-Form: „Ich warte seit Dienstag auf die Zahlen."
Zweite Position. Sie versetzen sich in die andere Person und übernehmen, so weit Sie es kennen, ihr Wissen, ihren Druck, ihre Interessen und ihre Haltung. Sie sprechen als diese Person, also ebenfalls in der Ich-Form, und reden sich selbst mit „Sie" an: „Ich habe zwei Leute im Urlaub, und Sie erinnern mich jeden Tag."
Dritte Position. Sie stehen außerhalb und sehen beiden zu, wie jemand, der das Gespräch verfolgt und zu keiner Seite gehört. Über beide sprechen Sie in der dritten Person: „Sie fragt nach dem Termin, er erklärt, warum es nicht geht. Keiner fragt, wer den Termin festgelegt hat."
Vierte Position. Robert Dilts hat später eine vierte Position beschrieben. Gemeint ist der Blick aus dem ganzen System, zu dem die Beteiligten gehören, etwa aus dem Team oder der Abteilung. Wer hier spricht, sagt „wir": „Wir brauchen jeden Monat dieselben Zahlen und haben nie geklärt, wer sie bis wann liefert." Nicht jede Ausbildung arbeitet mit dieser Position. In der Übung unten ist sie ein freiwilliger Schritt.
Woher das Modell kommt
Ausgearbeitet haben die Wahrnehmungspositionen John Grinder, einer der beiden Begründer des NLP, und Judith DeLozier. Zwischen 1982 und 1987 entwickelten die beiden den sogenannten New Code des NLP, stark beeinflusst vom Anthropologen und Systemtheoretiker Gregory Bateson. Zum New Code gehört die Arbeit mit mehreren Wahrnehmungspositionen, vor allem die dreifache Beschreibung einer Situation aus erster, zweiter und dritter Position, im Englischen triple description. Ihre Seminare aus dieser Zeit erschienen 1987 als Abschrift unter dem Titel Turtles All the Way Down: Prerequisites to Personal Genius.
Die vierte Position kam später dazu. Dilts beschreibt sie als Blick aus dem ganzen System oder dem „relationalen Feld", zu dem eine Situation gehört. Mehr dazu und zum Meta-Spiegel, der diese Position nutzt, steht im Lexikoneintrag.
Erfunden hat NLP den Perspektivwechsel nicht. Wer sich auf ein schwieriges Gespräch vorbereitet, fragt sich ohnehin, wie es für den anderen aussieht. Das Modell trennt die Blickwinkel strenger. Jede Position bekommt einen eigenen Platz und eine eigene Sprechweise, und zwischen den Positionen liegt eine Unterbrechung.
Übung: ein schwieriges Gespräch mit einem Kollegen vorbereiten
Die Übung passt, wenn ein Gespräch ansteht, das Sie seit Tagen vor sich herschieben, oder wenn ein Gespräch schiefgegangen ist und ein zweites folgen muss. Sie brauchen drei Stühle, einen Zettel, einen Stift und etwa 20 Minuten, in denen niemand hereinkommt. Ein Besprechungsraum reicht.
Wählen Sie vorher eine einzelne Szene. „Mein Verhältnis zu Herrn Weber" ist zu groß. „Das Gespräch am Montag, in dem ich ihn auf die verspäteten Zahlen anspreche" hat die richtige Größe.
- Stellen Sie die Stühle auf. Zwei Stühle stehen sich in Gesprächsabstand gegenüber, einer für Sie und einer für Ihren Kollegen. Den dritten stellen Sie seitlich mit etwa zwei Metern Abstand auf, sodass Sie von dort beide sehen.
- Erste Position. Setzen Sie sich auf Ihren Stuhl und stellen Sie sich den Kollegen gegenüber vor, mit seiner Kleidung und seinem Gesichtsausdruck. Sagen Sie ihm laut, was Sie stört und was Sie brauchen. Zwei, drei Minuten reichen. Schreiben Sie danach einen Satz auf, was Sie aus dem Gespräch mitnehmen wollen.
- Unterbrechen. Stehen Sie auf, gehen Sie ein paar Schritte, schauen Sie aus dem Fenster. NLP nennt eine solche Unterbrechung Separator. Ohne sie nehmen Sie Ihren Ärger mit auf den nächsten Stuhl.
- Zweite Position. Setzen Sie sich auf den Stuhl des Kollegen, und zwar so, wie er gewöhnlich sitzt. Schauen Sie hinüber auf Ihren eigenen Stuhl, auf dem jetzt Sie sitzen. Antworten Sie als er, in der Ich-Form. Was weiß ich, das mein Gegenüber nicht weiß? Was steht für mich auf dem Spiel? Was hat mich an der letzten Mail gestört? Bleiben Sie hier länger als auf dem ersten Stuhl. Fünf Minuten sind nicht zu viel.
- Wieder unterbrechen. Aufstehen, ein paar Schritte gehen, durchatmen.
- Dritte Position. Stellen Sie sich an den dritten Platz und schauen Sie auf beide Stühle. Beschreiben Sie in der dritten Person, was zwischen den beiden passiert, ohne Partei zu ergreifen. Dabei helfen drei Fragen. Worüber reden die beiden, und worüber reden sie nicht? An welcher Stelle wird es zwischen ihnen eng? Was würde ich jedem von beiden raten, wenn er mich fragte?
- Vierte Position, wenn Sie mögen. Treten Sie einen weiteren Schritt zurück und sprechen Sie für das Team oder die Abteilung, in der Wir-Form. Was braucht unsere Zusammenarbeit, damit diese Lage nicht jeden Monat wiederkommt?
- Zurück in die erste Position. Setzen Sie sich wieder auf Ihren eigenen Stuhl. Schreiben Sie zwei Dinge auf. Das eine ist eine Frage, mit der Sie Ihre Vermutung aus der zweiten Position im Gespräch prüfen. Das andere ist der erste Satz, mit dem Sie das Gespräch eröffnen.
Das Umsetzen kommt Ihnen beim ersten Mal vermutlich albern vor. Es hat einen Zweck. Solange Sie sitzen bleiben, springen Sie im Kopf zwischen den Blickwinkeln hin und her und landen immer wieder bei Ihrem eigenen. Mit dem Stuhl wechseln Sie auch sichtbar die Position, und Sie merken eher, wenn Sie zurückrutschen.
Ohne Stühle. Im Großraumbüro oder kurz vor dem Termin geht eine Kurzfassung auf Papier. Teilen Sie ein Blatt in drei Spalten und füllen Sie sie nacheinander, die erste in der Ich-Form, die zweite als Ihr Kollege, die dritte in der dritten Person. Halten Sie sich auch hier an die Sprechweise, sonst schreiben Sie dreimal Ihre eigene Sicht auf. Die Fassung auf Papier ist schneller. Den Platzwechsel, der beim Trennen der Positionen hilft, hat sie nicht.
Beispiel: die Monatszahlen, die immer zu spät kommen
Das folgende Beispiel ist erfunden.
Katrin leitet das Controlling eines mittelständischen Unternehmens. Jeden Monat braucht sie bis zum dritten Werktag die Zahlen aus dem Einkauf, und jeden Monat kommen sie zwei, drei Tage später. Markus leitet den Einkauf und steht auf derselben Hierarchiestufe wie sie. Auf ihre Erinnerungen antwortet er inzwischen nur noch knapp, beim letzten Mal mit „Kommt, wenn es fertig ist." Katrin will am Montag mit ihm sprechen und bereitet sich mit den drei Stühlen vor.
Erste Position. Katrin sagt dem leeren Stuhl, was sie stört. Sie muss den Monatsbericht pünktlich bei der Geschäftsführung abgeben und steht dort als diejenige da, die zu spät liefert. Seine knappen Antworten empfindet sie als respektlos. Auf ihrem Zettel steht danach: „Ich will einen Termin, auf den ich mich verlassen kann."
Zweite Position. Auf Markus' Stuhl sitzt sie zurückgelehnt, die Arme verschränkt, so wie er in Besprechungen sitzt. Als Markus sagt sie: „Ich kann erst abschließen, wenn die Rechnungen der großen Lieferanten da sind. Danach hat mich nie jemand gefragt. Und Ihre Erinnerungen kommen jedes Mal mit der Geschäftsführung in Kopie." Ob das mit den Rechnungen stimmt, weiß Katrin nicht. Sie erinnert sich nur, dass Markus einmal über säumige Lieferanten geklagt hat. Der Satz mit der Kopie trifft dagegen sicher zu. Sie setzt die Geschäftsführung tatsächlich jedes Mal in Kopie, aus Gewohnheit.
Dritte Position. Von außen sieht Katrin zwei Leute, die seit Monaten über ein Datum streiten, das keiner von beiden festgelegt hat. Sie schreibt Mails, er antwortet knapp, und nach jeder Mail mit Kopie fällt seine nächste Antwort noch kürzer aus. Woran die Lieferung eigentlich hängt, hat keiner der beiden angesprochen.
Zurück in der ersten Position. Katrin schreibt eine Frage auf: „Woran hängt es, dass die Zahlen erst am fünften Werktag fertig sind?" Außerdem nimmt sie sich vor, die nächste Erinnerung ohne Kopie zu schicken. Ob ihre Vermutung zu den Lieferanten stimmt, erfährt sie erst am Montag, vielleicht liegt es an etwas ganz anderem. Eine Antwort hat ihr die Übung nicht geliefert. Statt mit dem Vorwurf „Warum schaffen Sie das nie pünktlich?" geht sie mit einer Frage ins Gespräch, die Markus beantworten kann.
Typische Fehler
In der zweiten Position über den anderen reden. Das passiert leicht. Ein Satz wie „Er findet mich wahrscheinlich nervig" kommt aus der ersten Position, nur mit Blick auf ihn. In der zweiten Position sprechen Sie als er: „Sie schreiben mir jeden Tag." Wenn Sie sich bei „er" ertappen, stehen Sie auf und setzen sich neu hin.
Den Ärger mitnehmen. Wer ohne Unterbrechung vom ersten auf den zweiten Stuhl wechselt, spricht dort mit der Stimme der ersten Position weiter. Der Kollege klingt dann wie eine Karikatur, die Ihre Vorwürfe bestätigt. Nehmen Sie sich die halbe Minute für den Separator.
Die dritte Position als Richterstuhl nutzen. Der Beobachter beschreibt, was passiert, und fällt kein Urteil. Fällt auf dem dritten Platz ein Satz wie „Sie hat eindeutig recht", sind Sie wieder in der ersten Position, nur ein paar Meter weiter weg.
Die Vermutung als Wissen ins Gespräch tragen. „Ich weiß ja, dass Sie überlastet sind" klingt verständnisvoll und unterstellt doch etwas. Was Sie in der zweiten Position gefunden haben, bringen Sie als Frage ins Gespräch.
Eine zu große Situation wählen. Wer „die Zusammenarbeit mit dem Einkauf" durchspielt, bekommt allgemeine Einsichten und keinen ersten Satz für Montag. Bleiben Sie bei einer Szene mit Ort und Zeitpunkt.
Wann die Übung nicht hilft
Die zweite Position fühlt sich nach Einsicht an. Sie besteht aber aus Ihren eigenen Annahmen über den anderen. Wie weit das trägt, haben Tal Eyal, Mary Steffel und Nicholas Epley in 25 Experimenten untersucht, veröffentlicht 2018. Versuchspersonen, die sich auf Anweisung in andere hineinversetzten, schätzten deren Gefühle und Gedanken nicht treffsicherer ein, insgesamt eher etwas schlechter. Manchmal waren sie sich ihres Urteils dabei sogar sicherer. Treffsicherer wurden sie erst, wenn sie die andere Person im Gespräch fragen konnten. Für die Übung heißt das, dass ihr Ergebnis eine Frage ist und keine Erkenntnis über den Kollegen.
Studien, die die Wahrnehmungspositionen als NLP-Format prüfen, kenne ich nicht. Was die Forschung zu NLP insgesamt sagt, steht im Beitrag zur Kritik an NLP und zur Studienlage.
In manchen Lagen lassen Sie die Übung besser ganz:
- Wenn das Problem in der Organisation liegt. Gibt es keine Absprache, wer bis wann liefert, löst kein Perspektivwechsel den Streit. Dann gehört das Thema zu der Führungskraft, die die Zuständigkeit festlegen kann.
- Bei Mobbing, Belästigung oder Drohungen. Sich in jemanden hineinzuversetzen, der Ihre Grenzen verletzt, ist nicht Ihre Aufgabe. Wenden Sie sich an Ihre Führungskraft, den Betriebsrat oder die Personalabteilung.
- Wenn ein Konflikt Sie stark belastet. Lässt er Sie seit Wochen nicht schlafen oder rührt er an alte Verletzungen, sind drei Stühle im Besprechungsraum der falsche Ort. Die Übung ersetzt keine Beratung und keine Therapie. Sprechen Sie in diesem Fall mit Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder einer psychotherapeutischen Praxis.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Wahrnehmungspositionen und einem Perspektivwechsel?
Perspektivwechsel heißt allgemein, eine Lage aus einer anderen Sicht zu betrachten. Die Wahrnehmungspositionen machen daraus eine Übung mit festen Plätzen, einer eigenen Sprechweise für jede Position und Unterbrechungen dazwischen. So merken Sie eher, wann Sie in die eigene Sicht zurückrutschen.
Wie lange dauert die Übung?
Mit Stühlen etwa 15 bis 20 Minuten, die meiste Zeit davon in der zweiten Position. Die Fassung auf Papier schaffen Sie in zehn Minuten. Länger als eine halbe Stunde lohnt sich selten, weil Sie dann anfangen, das ganze Gespräch vorab zu Ende zu denken.
Kann ich die Übung mit einer zweiten Person machen?
Ja, und das hat einen Vorteil. Die zweite Person liest Ihnen die Fragen vor und achtet auf die Sprechweise. Sie hört eher als Sie selbst, wenn Sie auf dem Stuhl des Kollegen wieder über ihn reden. Sie stellt nur Fragen und diskutiert nicht mit.
Was ist die Meta-Position im NLP?
Manche Ausbildungen nennen die dritte Position, also den Blick des unbeteiligten Beobachters, auch Meta-Position. In der Übung oben ist das der dritte Platz, seitlich und mit Abstand zu beiden Stühlen.
Wahrnehmungspositionen mit Anleitung üben
Mit der Anleitung oben kommen Sie allein schon weit. Leichter fällt der Wechsel, wenn jemand die Fragen stellt und bemerkt, wann Sie aus einer Position herausfallen. Im Coaching gehe ich einen Konflikt auf diese Weise mit Ihnen durch, bevor das Gespräch stattfindet. Weitere Übungen, die Sie ohne Partner machen können, stehen im Beitrag NLP-Übungen für zuhause.